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Die Chancen von Tilos im Marktsegment des Ökotourismus  


von Mario F.Broggi 

Gemäss deutschsprachigen Reiseführern soll Tilos eine der letzten  ruhigen und beschaulichen Inseln in der Ägäis sein. Grund genug für einen Griechenland-Fan und Naturfreak sich auch diese Insel einmal anzuschauen. Eine Gruppe naturkundlich Interessierter aus dem Alpenrheintal reist seit Beginn der 1970-er Jahre jeden Frühling auf  griechische Inseln, um dort die lokale Fauna und Flora zu erkunden. In der Dodekanes-Region wurden so  bereits Karpathos, Symi, Kalymnos, Leros und Astypalea besucht. Eine Internet-Abfrage über Tilos weckte unsere besondere Neugier: es ist vom „Tilos-Park“-Projekt die Rede. Also nichts wie hin auf diese Insel.


Die ersten Inseleindrücke 

Eine persönliche örtliche Vorerkundung im Oktober 2004 und die nachfolgende Exkursion zu sechst im April 2005 bringen folgende Fakten:  

- mit Staunen erfährt man vom generellen Jagdverbot auf der Insel, das seit 1987  besteht und die zahlreichen Beobachtungen des      Chukarhuhns bestätigen dessen positive Wirkung,

- wir erfahren zudem von einer Machbarkeitsstudie  für einen Tilos-Park, die die herrschenden  Naturwerte nach EU-Kriterien ausweist, die sonst seltenen Eleonorenfalken  können wir hier während des Inselaufenthaltes  regelmässig beobachten,

- in den Hotels liegen Informationen über die herrschenden Naturwerte auf,

- die  noch junge Tilos-Park-Association erhält in Livadia ein eigenes Informationsbüro,

-  man spürt den Gestaltungswillen der Inselverwaltung mit geordneter Abfalldeponie, mit   dem Betrieb eines eigenen „Shuttles“ – die „Tilos Star“ nach Rhodos, der  Inselbus ist ebenfalls neu und nicht wie sonst häufig verrostet, am Hafen orientiert die Gemeinde über  die touristischen    Infrastrukturen und die Hafenanlage wird revitalisiert,

- die alten Kapellen werden teils renoviert und  vor noch gar nicht so langer Zeit - noch während  unserer  Menschheitsgeschichte soll gemäss Knochenfunden in der Harkadiohöhle  ein bernhardinergrosser Zwergelefant gelebt haben,

- es finden sich alte, mit Pflastersteinen ausgelegte Pfade zu ehemaligen landwirtschaftlich genutzten Sommersitzen, die heute dem Wanderer dienlich sind,

-  und etwas sehr wichtiges: auf der Insel finden sich  (noch) keine grossen baulichen Sünden.   

 Was heisst Oekotourismus? 

Naturschutz und Tourismus sind zwei Worte, die sich lange und häufig eher feindselig gegenüber standen. Im Ökotourismus versucht man einen Ausgleich. Ökotourismus heisst verantwortungsvolles Reisen in Naturgebiete, wo die Umwelt geschützt und das Wohl der lokalen Bevölkerung gefördert wird. Damit wird der Ökotourismus zum wichtigen Element der nachhaltigen Regionalentwicklung in ländlichen Gegenden.  In neueren Parkkonzepten versucht man unter dem Schlagwort der Nachhaltigkeit „Nutzung und Schutz“ miteinander zu kombinieren und eine touristische Nutzung und eine landschaftliche Durabilität in grossen Schutzgebieten zu leben. Dabei versteht man unter nachhaltiger Entwicklung, dass dies nicht auf Kosten anderer Menschen, Regionen und anderen Generationen geht. Sie berücksichtigt den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlage und legt dabei Wert auf die Gerechtigkeit zwischen Menschen und Völkern. 

Das Motiv „Natur erleben“ für das Reisen  hat insgesamt in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Rund 30-40% der Touristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind für ökotouristische Angebote empfänglich und sie sind überdies bereit für einen  umwelt- und sozialverträglichen Tourismus mehr zu bezahlen. Über das Naturerlebnis hinaus besteht beim naturorientierten Tourismus ein starkes Interesse an ökologischen Zusammenhängen und Naturschutzmassnahmen.

 Das Phantombild des Ökotouristen 

Gästebefragungen in Mitteleuropa zeichnen folgendes Phantombild des/der ÖkotouristIn: 

- sind zwischen 30- 70 Jahre alt,

- haben einen höheren Schulabschluss und ein regelmässiges Einkommen,

- kommen aus einem Ballungsraum bzw. einer Grossstadt,

- suchen im Urlaub eher Erholung als Action,

- suchen generelle Rückbesinnung auf Langsamkeit und Sinnhaftigkeit,

- möchten neue Landschaften kennen lernen und sind für den Einbezug von Natur und Kultur  empfänglich, d.h. sie respektieren die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung,

- möchten einen komfortablen Urlaub erleben, essen gerne gut und achten auf   Regionalprodukte,

- ziehen kleine Orte den international bekannten und  belebten Gebieten vor,

- die überwiegende Mehrheit dieser Leute wäre auch bereit einen Obulus (Visitors paybacks)   für eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit und Naturschutzmassnahmen zu leisten.

 Und was kann Tilos hierzu als Voraussetzungen bieten? 

- eine attraktive, überschaubare  Berglandschaft mit reichen Natur- und Kulturwerten,

- mit vielen   Zeugen der Geschichte und der einstigen stärkeren Besiedlung,

- mit fruchtbaren,  baumbestandenen   Ebenen  mit Landwirtschaftskulturen.

- mit schönen  Rund- Wanderwegen,

- eine gute Gastronomie und angepasste, kleinere Unterkünfte,

- Tilos strömt schliesslich eine gewisse Kreativität der Langsamkeit aus, die losgelöst von der Hektik des Alltags ist und diese wird     schliesslich erst  über eine längere Anreise gefunden.

 Und was sind die weiteren Bedingungen, um den Ökotourismus zum langfristigen Erfolg zu verhelfen?: 

- eine durchgängige Glaubwürdigkeit des künftigen Handelns mit Bewahrung  der eigenen   Identität, um die Destination von anderen zu unterscheiden.

- Dies bedingt eine Koordination und Abstimmung sämtlicher Entscheide auf das Oberziel der möglichst intakten Erhaltung des reichen   Natur- und Kulturerbes.

- Es braucht einen Raumordnungsbescheid mit der Ausweisung der Schutz- und Nutzzonen auf der Insel und  eine kontrollierte Entwicklung in den für eine Überbauung zur Verfügung stehenden Gebieten,

- eine umweltverträgliche  Organisation und Abfallentsorgung mit Auflösung und Sanierung der alten Abfalldeponien,

- eine sparsame Trinkwasserbewirtschaftung und Klärung des Gebrauchswassers,

- eine konsequente Weiterentwicklung des Ökotourismus mit seinen nötigen Infrastrukturen (z.B. einen mehrsprachigen  Natur- und Kulturführer), die Gewährleistung des Unterhaltes markierter Wegverbindungen und die Erneuerung der Museen,

- die Produktion möglichst vieler einheimischer landwirtschaftlicher Produkte in ausgezeichneter Bio-Qualitäten und deren Vermarktung für den Tourismus mit dem Ziel der Schaffung von Wertschöpfungsketten, was zugleich auch Arbeitsplätze ermöglicht,

-  die massive Reduktion des Kleinviehbestandes auf ein ökologisch verträgliches Mass zur Vermeidung von Erosionen und Erhalt der Biodiversität. Dies bedingt ein ausgeklügeltes Weidemanagement mit Kapazitätsbegrenzungen,   

-  Kooperationen und Erfahrungsaustausch mit Destinationen  ähnlicher Zielsetzungen (vgl. der gegenseitige Besuch von Armutalan in Marmaris),

-  Kooperationen mit Tourismuskreisen, die den Ökotourismus unterstützen wollen (siehe Laskarina Holidays) und Experten im Naturschutz.


 Tilos – ein spannendes Experiment 

Die Rahmenbedingungen  für einen erfolgreichen Ökotourismus sind in Tilos günstig. Eine baldige Ausweisung des geplanten Nationalparkes würde die Intention glaubwürdig unterstreichen. Die Insel selbst besitzt das nötige Potential und die europäische Nachfrage ist vorhanden, was inzwischen auch der zunehmende Inselbesuch belegt. Die Inselverwaltung unter dem innovativen Bürgermeister Anastasios Aliferis bietet den geeigneten Rahmen. Es möge der Tilos Park Association unter der enthusiastischen Leitung von Konstantinos Mentzelopoulos gelingen dieses Projekt wirkungsvoll zu begleiten. Schliesslich braucht es ein entsprechendes Unternehmertum auf der Insel, das gewillt ist zusammen mit der Bevölkerung diese Ansätze weiter zu entwickeln. Europa braucht „good-practice“- Beispiele.


Translation by … 
Mario F.Broggi (60) ist ausgebildeter Forstingenieur und Ökologe. Er ist Dozent an den Universitäten von Basel und Wien für Naturschutz und Landnutzung und war in den letzten Jahren Direktor eines Bundes-Forschungsinstitutes für Wald, Lawinen und Landschaft in der Schweiz. Heute beschäftigt er sich im Rat der Eidg. Technischen Hochschulen (ETH-Rat) mit Fragen der Raumentwicklung und Nachhaltigkeit. Daneben nimmt er Einsitz in verschiedenen privaten Stiftungen, die sich für den Naturschutz einsetzen.  

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, 28. März 2009 um 10:52 Uhr